Eine Frau steht ihren Mann

Für die “DB Welt”, der Ende 2017 eingestellten Konzernzeitung der Deutschen Bahn, habe ich ein Porträt von einer jungen Frau geschrieben, die sich seit ihrer Ausbildung zur Mechatronikerin sehr gut und sehr erfolgreich in einer Männerdomäne behauptet.

Rund 300 Männer arbeiten im Rangierbahnhof Köln-Gremberg – und drei Frauen. Eine von ihnen ist Christin Holländer. Für 100 Wagenmeister und Disponenten plant sie die Schichten.

Christin Holländer hat Helm und Prüfhammer gegen Telefon und Computer getauscht

Christin Holländer blickt auf ihre beiden großen Monitore. Der rechte listet die ständig eingehenden E‐Mails auf. Den linken nimmt eine große Tabelle ein, die aus vielen Namen und noch mehr grauen, blauen, gelben und schwarzen Kästchen besteht. Das ist der Dienstplan für den heutigen Tag.

Holländer teilt rund 100 Kollegen in die Schichten ein

Die 29-Jährige arbeitet am Rangierbahnhof Gremberg als Personaleinsatzdisponentin, kurz PED. Seit September 2016 teilt die gebürtige Duisburgerin bei DB Cargo die 80 Wagenmeister, 17 Disponenten und neun Shuttlefahrer in die täglichen Früh‐, Spät‐ und Nachtschichten ein. Für die übrigen Kollegen, unter anderem in der Werkstatt, sind andere Disponenten zuständig.

Unter den rund 300 Kollegen, die in Gremberg arbeiten, ist Holländer eine von nur drei Frauen. „Ich kenne das nicht anders“, sagt sie schmunzelnd. Denn bereits während ihrer Ausbildung machte sie in der Lehrwerkstatt Oberhausen‐Osterfeld als einziges Mädchen eine Ausbildung zum Mechatroniker. Nicht anders beim Praxisteil ihrer Lehre. Den hat sie hier im Rangierbahnhof absolviert.

Bei einem Rundgang, den sie gelegentlich über das Gelände macht, um mit ihren Kollegen auch persönlich über die Schichtpläne zu sprechen, zeigt sie auf eine rote Rangierlok vom Typ V60 und sagt: „Daran habe ich gelernt.“ Ihr Blick verrät es, sie erinnert sich gern an die Zeit.

Kollegen fühlen junger Frau “auf den Zahn”

Bereits während ihrer Ausbildung hat Holländer „ihren Mann“ gestanden. „Die Kollegen wollten mich mal auf die Probe stellen“, erinnert sie sich an eine Situation in der Werkstatt. „Ich sollte an einer Lok über Kopf zwei schwere Bremssohlen einbauen.“ Das ließ sich die resolute Duisburgerin nicht zweimal sagen. Sie schnappte sich das Teil, stellte sich auf eine stabile Kiste und baute es ein. Allein damit hatte sie gehörigen Respekt der Kollegen erworben.
Nach der Lehre blieb die 29-Jährige in Gremberg und schloss vor acht Jahren eine Weiterbildung zum Wagenmeister an. Auch hier war Holländer wieder die einzige Frau. Erst seit 2015 Jahren gibt es in Gremberg zwei weitere Wagenmeisterinnen.

Die 29-Jährige hilft einem Wagenmeister bei der Bremsprobe

Bei Wind und Wetter war sie tags und nachts draußen in den Gleisen und überprüfte die Waggons auf Schäden und auf ihre Abfahrtbereitschaft. „Auch wenn es schwere Arbeit war, ich habe diesen Job sehr gemocht, weil er so abwechslungsreich ist“, erzählt sie. Die Ladungen kontrollieren, Bremsen prüfen, kleine Reparaturen durchführen, das war genau ihr Ding. Und wenn sie mal eine Frage hatte, „dann konnte ich mich immer an die Kollegen wenden“. Die waren immer sehr hilfsbereit. „Ich war für sie wie eine Tochter“, erinnert sie sich an das prima Betriebsklima unter den Wagenmeistern.

Mehr Zeit für Hobbys

Als Holländer 2016 die Chance erhielt, sich beruflich zu verändern, griff sie zu und wurde Personaleinsatzdisponentin. Jetzt arbeitet sie zwar fast nur noch am Schreibtisch. „Weil ich nur noch tagsüber arbeite, habe ich nun aber mehr Zeit für meine Hobbys“, sagt sie.
An den Wochenenden besucht sie Mittelalterfestivals oder geht ihrer großen Leidenschaft nach: dem Seifenkistenrennen, was sie seit ihrer frühesten Jungend betreibt.

Christin Holländer vor Ort: Ein Gespräch mit einem Wagenmeister an den Gleisen des Rangierbahnhofs

„Auch als PED werde ich akzeptiert“, blickt die 29‐Jährige auf ihre neue Position zurück. „Es liegt sicher nicht nur an meinem weiblichen Charme“, sagt sie augenzwinkernd. Sie glaubt, dass der Grund darin liegt, dass sie die harte Arbeit draußen kenne und sich redlich bemühe, die individuellen Schichtwünsche der Kollegen zu berücksichtigen.
„Unter Männern zu arbeiten ist besser, als ich gedacht habe“, zieht Holländer ein Fazit nach über einem Jahrzehnt Gremberg. Die Kollegen haben keine Vorurteile und sind sehr hilfsbereit. „Der Rangierbahnhof ist für mich zu einem Stück Heimat geworden.“ • Text & Fotos: Heiko Kalweit

 


INFOS: Drittgrößter Rangierbahnhof Deutschlands

Der Rangierbahnhof Köln-Gremberg im Südosten der Stadt ist nach Maschen bei Hamburg und Seelze bei Hannover der drittgrößte in Deutschland. Täglich werden hier 120 Züge mit 2.800 Wagen zusammengestellt.

Die Mitarbeiter von DB Cargo, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, stellen hier die Güterzüge insbesondere für die sogenannten Westhäfen Rotterdam und Antwerpen zusammen. Aber auch Züge nach Norddeutschland, Frankreich, Richtung Alpen und Südeuropa werden hier gebildet und abgefertigt.

Der von 1917 bis 1924 gebaute Rangierbahnhof ist sehr weitläufig: Auf einer Fläche von mehr als einem Quadratkilometer liegen 160 Kilometer Gleise und 425 Weichen. Die Zugbildung läuft vollautomatisch ab.

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