Rasen sollen die anderen – Ein Oldtimerfan erzählt

Der Ruhr Nachrichten-Artikel aus meiner Serie über Oldtimerliebhaber. Foto: Dieter Bludau

Rasen sollen die anderen – Helmut Spittmann hängt an seinem über 50 Jahre alten Peugeot 203 Decouverable

In meiner Zeit als Lokalredakteur bei den Ruhr Nachrichten habe ich eine Serie über Oldtimerliebhaber ins Leben gerufen. Der nachfolgende Artikel war Teil davon.

NORDKIRCHEN – „Die Türen nannte man früher Mädchenfänger-Türen“, sagt Helmut Spittmann, als er an dem silberfarbenen Griff zieht und die Fahrerseite seinen Peugeots 203 öffnet.

Er macht eine Pause. – „Weil sie nach hinten aufklappen und so die Mädchen leichter ins Auto gezogen werden können“, erklärt er schließlich schmunzelnd. Es sind nicht die eigenen Erlebnisse mit dem cremefarbenen Franzosen, die er da erzählt. Der Nordkirchener kennt die Geschichten „nur“ aus Erzählungen. Trotzdem sieht man es ihm an, dass er Spaß an solchen Histörchen hat. Genau soviel Spaß wie an seinem Peugeot 203 Decouverable aus dem Jahr 1950. Kein Wunder, denn: „Laut letzter Liste gibt es nur noch zwei oder drei davon.“

Total zerlegt

In den 1990er-Jahren fanden Spittmann und der Oldtimer zu einander. „Ich suchte etwas zum Restaurieren. „Kommissar Zufall kam mir dabei zur Hilfe, dass ich ausgerechnet auf dieses Auto gestoßen bin”, sagt der ehemalige Peugeot-Vertragshändler. Nachdem er den Oldtimer vom Niederrhein in seine Nordkirchener Werkstatt transportiert hatte, machte er sich an die Arbeit. „Wir haben das Auto total zergelegt.” Türen, Scheiben, Verkleidung, Armaturenbrett, alles musste raus.

Gut in Schuss

Zum Glück war der Wagen gut in Schuss und die Schweißarbeiten daher „nicht der Rede wert“. Die Arbeiten zogen sich aber dennoch über rund 350 Stunden hin. Der Oldtimer mit seinen 45 Pferdestärken und dem 1,3-Liter-Motor begeistert den Nordkirchener immer wieder durch seine Zuverlässigkeit. Helmut Spittmann würde sich nie von seinem Auto trennen. Das Dach des Peugeot 203 Decouverable lässt sich zurückrollen wie bei einer „Ente“. 

Auf dem altmodischen Tacho steht „44703“. Spittmann: „Da gehört mit Sicherheit mit Sicherheit noch eine Zwei oder Drei davor.“ Ihm ist es egal, dem Wagen sowieso. Der Automechaniker ist aber nicht der einzige, der Spaß an dem Wagen hat. Vielen Brautpaaren, die er in den vergangenen Jahren zur Trauung gefahren hat, geht es ebenso. Denn der Peugeot ist ein richtiger Hingucker. Auf dem Hof an der Lüdinghauser Straße sieht er aus wie der kleine Bruder eines amerikanischen Straßenkreuzers der 50er-Jahre.

Oppulente Kotflügel

Die Kotflügel sind deutlich, aus heutiger Sicht nahezu verschwenderisch geschwungen. Der Kühlergrill mit seinen silberfarbenen Querstreben geben der Luft viel Platz, um in den Motorraum zu gelangen. 

Wenn Helmut Spittmann mit seinem Peugeot 203 Ausflüge unternimmt, dann ist er gerne gemütlich unterwegs. 80 Stundenkilometer reichen ihm. „Er würde 105 km/h sicher noch schaffen”, ist der Automechaniker überzeugt. Doch das Rasen überlässt er den anderen.

Ein Stück von mir

„Der Wagen ist ein Stück von mir selbst”, antwortet er auf die Frage, was ihm der Oldtimer bedeute. Er habe viele Arbeitsstunden in die Restaurierung gesteckt, sei Peugeot-Händler gewesen, und vor allem sei seine Tochter die erste Braut, die er mit dem Auto zur Kirche gefahren habe. Daher bestehe im Hause Spittmann eine große Einigkeit: „Das Auto zu verkaufen, das können wir uns nicht vorstellen.”

Wann ist ein altes Auto ein Oldtimer?

Nicht jedes Auto, das 30 Jahre und älter ist, wird automatisch zu einem Oldtimer.

Die Fahrzeuge haben einige Kriterien zu erfüllen, damit sie das sogenannte H-Kennzeichen erhalten. Diese werden von einem KFZ-Gutachter überprüft:

  • Das Auto muss mindestens 30 Jahre alt sein. Besitzt der Eigentümer nicht mehr die Papiere der Erstzulassung, muss er Unterlagen vorweisen, die das Produktionsjahr glaubhaft und nachvollziehbar belegen.
  • Gemäß §23 StVZO muss das Auto als ein sogenanntes “kraftfahrzeugtechnisches Kulturgut” eingestuft sein.
    Das bedeutet: Es hat sich “in einem erhaltungswürdigen Zustand” zu befinden, wie es der TÜV ausdrückt. Er fordert einen guten Zustand in Pflege und Erhaltung. Normale Abnutzung, wie sie im Laufe der Jahre nun einmal vorkommt, ist gestattet. Es dürfen aber keine Unfallschäden oder technische Mängel vorliegen. Der TÜV fordert außerdem sachgemäße Instandsetzungsarbeiten und das Vorhandensein aller wesentlichen Teile.
  • Im Oldtimer in spe dürfen keine Neuteile verbaut sein. Der Gutachter wünschen im Idealfall den Zustand, wie das Auto seiner Zeit vom Band gerollt und ausgeliefert worden ist. Kleine Modifizierungen sind aber gestattet. Wenn es nicht sofort in einem Museum oder einer Garage für die Ewigkeit erhalten wird, bleibt im Laufe der Jahre sowieso kein Fahrzeug von Reparaturen und Ersatzteilen verschont. 
  • Daher gestattet der TÜV einige Änderungen, die vom Originalzustand abweichen. Ein paar Beispiele: eine andere, aber zeitgenössische Wagenfarbe, ein anderer Motor aus derselben Baureihe des entsprechenden Autotyps, Die Räder dürfen von Diagonal- auf Radialreifen umgerüstet werden. TÜV gestattet des weiteren einen Auspuff aus Edelstahl und Katalysatoren. 
    Er denkt aber auch an Oldtimerfans mit Behinderung: Sie dürfen ihren Schnauferl so umbauen, dass sie damit fahren können.

Weitere Infos gibt der TÜV unter Tel. 0800 80 70 600 und  E-Mail: verkehr@tuev-nord.de

Was kostet ein Oldtimer?

Die Anschaffung eines Oldtimers hängt natürlich von der Art des Autos ab. Ein Käfer etwa ist schon für um die 10.000 € erhältlich. 2018 war der teuerste Oldtimer ein Ferrari 250 GTO aus dem Jahr 1962. Für 48,4 Millionen Dollar wechselte er den Besitzer.
Entsprechend unterschiedlich hoch sind auch die Unterhaltskosten.

Eindeutig sind aber andere Dinge, die der Oldtimerbesitzer in spe berücksichtigen muss:

  • Das Gutachten durch einen anerkannten Prüfingenieur, sofern nicht bereits vorhanden, kostet.
    Laut der AXA-Versicherung beginnt der Preis bei 150 €. Bei Autos, die mehr als 20.000 € kosten, werden 300 € oder bis zu 0,2 Prozent des Fahrzeugwerts fällig.
    Für Oldtimer, die mehr als 40.000 € wert sind, ist alle zwei Jahre ein neues Gutachten erforderlich.
  • Die Steuern betragen jährlich 191,73 €.
  • Die KFZ-Versicherung liegt laut Finanztip.de jährlich zwischen 40 und 110 €.

Nordrhein-Westfalen ist das Oldtimer-Land Nr. 1

Haben wir Deutschen genug von SUV und schnittigen Autos? – Wenn wir es nicht tagtäglich anders auf den Straßen erleben würden, könnte man es fast glauben. Denn Oldtimer werden seit den vergangenen Jahren immer populärer. 2018 waren in Deutschland 477.386 Schnauferl unterwegs. Das sind 11 Prozent mehr als im Jahr davor.

Die meisten Oldtimer gibt es in Nordrhein-Westfalen. 107.876 PKW, LKW, Motorräder und Anhänger stehen in den Garagen oder sind bei schönem Wetter auf den Straßen zwischen Rhein und Weser unterwegs.

Viele Oldtimer-Treffen

Landes- und bundesweit treffen sich jedes Jahr Oldtimerfans auf zahlreichen Ausstellungen, Messen und Treffen. Hier ein paar Beispiele aus Nordrhein-Westfalen:

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